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Eigentlich nichts Neues: Selfies

Seit wann glauben Sie gibt es Selfies? Schon immer. Denn ein Selfie ist nichts anderes als ein Selbstporträt. Bereits in der Antike sollen sich erste Künstler in Stein gemeißelt, also als Statue selbst porträtiert haben. Spätestens seit der Renaissance gehörte es zum guten Ton jeden Künstlers sich einmal, zweimal oder öfter selbst gemalt und somit durchaus launisch für die Nachwelt erhalten zu haben. Manchmal hat sich die Mühe wirklich gelohnt …

Mein erstes Selfie habe ich mit einer Polaroid-Sofortbildkamera 1976 vor einem Spiegel geschossen – und sofort vernichtet. Damals genügte es dafür nicht eine „Löschen-Taste“ zu drücken. Ich musste das farbige Foto zerschneiden – zerreißen ging aufgrund des reißfesten Fotopapiers nicht – und in den Müll werfen. Da blieb es dann, bis meine Schwester es mühsam zusammengeklebt und mich damit „erpresst“ hat. Selfies hatten also auch schon damals ungeahnte Auswirkungen. Die Frage ist nur: Warum machen wir Selfies?

Die Faszination der Momentaufnahme

Für mich ist es bislang bei diesem einen Selfie geblieben. Für alle anderen offensichtlich nicht. Laut BITKOM-Bericht vom 27. Juni 2014 nehmen zwei von drei Smartphone-Nutzern Selfies auf, bei den Jüngeren sind es 71 Prozent und 59 Prozent teilen ihre Bilder in sozialen Netzwerken.

Mit dem Aufstieg des Smartphones kam der Hype um Selfies. 2012 schaffte es „Selfie“ laut dem Time Magazin unter die Top-Ten Schlagworte. Ein Jahr später, im November 2013, wurde es schließlich vom Oxford English Dictionary zum „Wort des Jahres 2013“ gekürt. Mittlerweile sind Selfies sogar Oscar-reif: das Selfie der US-Moderatorin Ellen DeGeneres im Kreise erlesener Hollywood-Stars auf der Oscar-Verleihung im März dieses Jahres wurde allein auf Twitter über 1,4 Millionen Mal geteilt.

Momente zum festhalten

Social Media Plattformen jeder Art wimmeln nur so von Selfies. Egal wie, wo und mit wem Menschen Dinge erleben oder auch nicht: sie fotografieren sich dabei, halten Momente fest und verewigen diese im Netz. Ob für die Jetzt-Welt oder die Nachwelt ist den meisten wahrscheinlich nicht klar. Die Aura des Künstlers, der sich und seinem Werk in Form eines Selbstporträts einst ein Denkmal setzen wollte, lassen wir hier – mit viel Mut zur historischen Lücke – einfach mal außer Acht.

Klar scheint jedoch: Niemand will mehr etwas erleben – oder nicht erleben – nur so für sich. Irgendwie sind der Urlaub, der Fahrradunfall, das Musikkonzert nur halb so aufregend, wenn nicht die ganze Welt daran Teil hat und dem Modell applaudiert. Gekonnte Selfie-Macher wissen sich dafür sehr wohl von ihrer Schokoladenseite abzulichten. Das haben Sie geübt. Denn für den einen besonderen Moment von Vielen, den sie unbedingt festhalten und teilen müssen, wird nichts dem Zufall überlassen. Und so werden kleine Momente plötzlich zu unglaublich wichtigen Ereignissen. Das kommt davon, wenn man sich an esoterisch angehauchte Sätze klammert wie „Lerne, den Moment festzuhalten“ oder „Genieße den Moment so lange es geht“. Für mich ist das nichts. Ich kann nicht wirklich genießen, wenn ich weiß, dass sich gerade eine unüberschaubare Anzahl von bekannten oder weniger bekannten Menschen über mein Konterfei amüsiert und dieses dann vielleicht auch noch weiter teilt in die große unbekannte Welt des World Wide Web.

Plötzlich wollen alle teilen

Oscar WildeDenn Gesetz Nummer II des Selfies: Es ist nur was wert, wenn es möglichst oft geteilt wird. Das mag aus Marketing-Sicht seinen Sinn haben – aber wie sieht es mit der Privatsphäre aus? Denn so manche Selbstporträts kursieren heute auf allen Kanälen, manchmal doppelt und dreifach. Man kommt ihnen nicht aus. Außer man verweigert sich der Online-Welt. Und zieht sich zurück. So wie einst „Das Bildnis des Dorian Gray“. In dem einzigen und gleichnamigen Roman des irischen Schriftstellers Oscar Wilde aus dem späten 19. Jahrhundert, wird von dem gutaussehenden und wohlhabenden Dorian Gray ein Porträt in Öl angefertigt. Sein Wunsch, könne doch sein Bild an seiner statt altern, geht in Erfüllung. Und so bleibt Dorian jung und schön. Sein gut vor der Öffentlichkeit verstecktes Porträt allerdings wird zum Spiegelbild seines Alters und seiner Sünden. Mit der Zeit mutiert das Bild zu einem grausamen Denkmal seiner unmoralischen Lebensweise.

Das passiert den Selfies von heute hoffentlich nicht. Denn dann würden die darauf Abgebildeten echt alt aussehen 😉

4 Kommentare

  • Martin S. sagt:

    Hallo Herr Bockhorni,

    schöner Artikel zu einem Phänomen unserer Zeit. Kürzlich habe ich irgendwo sogar gelesen, dass Fans von einem bestimmten Star gar kein schnödes Autogramm mehr wollen, sondern nur ein Selfie zusammen mit ihm. Aber selbst ein „normales“ Selfie ist heute vielen nicht mehr gut genug. Da muss es schon was besonderes sein, z. B. ein Relfie (Relationship Selfie) oder ein Belfie (das Allerwertesten-Selfie). Bücherfreunde hingegen bevorzugen das Shelfie. 😉

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