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Rezension: Firnkes, Michael (2015): Das gekaufte Web. (TELEPOLIS) – Wie wir online manipuliert werden.

Buch: Das gekaufte Web

Man muss es gleich vorweg sagen: Dieses Buch ist wichtig! Und zwar für alle, die im Netz unterwegs sind. Denn die Quintessenz des sachlich und gut recherchierten Werks im Lehrbuch-Look ist nicht mehr und nicht weniger als die universell geltende Goldene Regel des Miteinanders. Dieser praktische Grundsatz der Ethik – zur Erinnerung: „Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg’ auch keinem andern zu“ – scheint im Internet seine Gültigkeit verloren zu haben. Zeit also, sich einmal ganz offen Gedanken darüber zu machen, was dies zur Folge hat – für uns alle.

Genau dies hat Michael Firnkes, selbst Berufsblogger und nicht frei von Verfehlungen des leichten Geldverdienens im Netz, getan: Er hat sich Gedanken gemacht, diese auf ein seriös untermauertes Fundament gestellt und nun als Buch veröffentlicht.

Was auf bloghandbuch.de lapidar als „Ferienlektüre“ angepriesen wird, ist vielmehr ein Mahnmal für den Erhalt der Presse-, der Informations- und der Meinungsfreiheit. Was hierfür unabdingbar ist, ist der Zugang zu unabhängiger und vertrauenswürdiger Information. In kleinen aber deftigen Dosen führt „Das gekaufte Web“ uns immer wieder zu der Tatsache, dass selbst seriöse Nachrichtenmagazine (S. 32, 77 und viele mehr)uns eben diese Art der Information nicht mehr liefern. Denn in der Freiheit des World Wide Web gilt eine andere Währung: …

Freiheitsrechte missverstanden

… die meisten Klicks, das beste Ranking. Beides bekomme man nicht durch Informationen, die unabhängig gesehen als wichtig gelten, sondern durch die Information, die die Masse fordere (S. 32). Spezielle Tools helfen diese Sensationen auszuspähen. Journalisten wie auch die zunehmende Anzahl autodidaktischer Webschreiber streut dann eben diese gewünschten Informationen, um die Webgemeinde auf die Webseiten zu locken, das Ranking dieser Portale zu optimieren und so den Gewinn des Portalbetreibers auf irgendeine Weise zu steigern. Bis es soweit ist, verdienen noch eine Reihe anderer unmittelbar oder mittelbar an diesem Erfolg beteiligte ihr Auskommen, was an und für sich ja nichts Schlimmes ist, nur:  zu oft werden dabei die Grenzen der Freiheit überschritten. Zur Erinnerung: Grundgesetz Artikel 2 Absatz 1 (1) „Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt […].“ Packt man hier noch die oben genannte Goldene Regel mit drauf, dann darf man, rein ethisch betrachtet, natürlich auch im Internet Geld verdienen, aber eben nicht, indem man die Konsumenten vorsätzlich täuscht. Genau das aber passiert. Und es ist kein Einzelfall.

Anhand unzähliger, belegter Beispiele erläutert Firnkes wie Verbraucher gezielt zum Kauf bestimmter Produkte verleitet werden: durch Schleichwerbung, versteckte Werbung, gezielte Täuschung, durch gefälschte Bewertungen, und Werbung, die als Trojanisches Pferd in einem „redaktionellen“ Beitrag daher kommt. Den „… riskanten Tausch von Glaubwürdigkeit gegen Geld …“ (S. 81) gehen  auch seriöse Nachrichtenmedien nach. Native Advertising heißt das in der Fachsprache moderner Online Marketer, deren Einfallsreichtum worldwide grenzenlos zu sein scheint.

Die Gefahr auf den Punkt gebracht

Was an all dem nun wirklich bedenklich ist, erwähnt Firnkes dann fast unscheinbar in einem Nebensatz auf S. 114: „Nicht nur die Auftraggeber verhielten sich sehr passiv, wenn es darum ging, in den Fälschungen ein Fehlverhalten zu erkennen. Auch bei den Internetnutzern stieß der Skandal auf eine erstaunlich geringe Resonanz.“

Es ist eben diese Wurstigkeit, die bedenklich ist. Das unkritische Hinnehmen. Das bewusste keine Meinung haben zu wollen. Ist das die neue Freiheit 2.0? Dazu zitiert Firnkes auf S. 122 den Netzkritiker Andrew Keen aus seinem Werk „The Cult oft he Amateur“  (2008, Die Stunde der Stümper – Wie wir im Internet unsere Kultur zerstören): „Die jungen Leute von heute können nicht mehr zwischen glaubwürdigen (…) Nachrichten und dem Geschreibsel auf Joeshmoe.blogspot.com unterscheiden. Für die Utopisten der Generation Y ist einfach jedes Posting eine persönliche Version der Wahrheit und jede Fiktion eine persönliche Version der Tatsachen.“

Ist die Jugend also nicht mehr in der Lage, seine Freiheitsrechte wahrzunehmen, weil sie sich gar keine eigene Meinung mehr bilden kann? Dann ist „Das gekaufte Web“ ist vor allem auch ein gesellschaftsrelevantes Buch.

Lösungsansätze

Denk neu! Das ist der Lösungsansatz, der sich in  insgesamt 8 Thesen aufteilt. Im Wesentlichen geht es hierbei darum, ein neues Bewusstsein dafür zu schaffen, dass gute, unabhängige journalistische Beiträge irgendwie finanzieren müssen. Denn diese sind essenziell für die Herausbildung einer neuen Medienkompetenz, also dem Wissen wie wir alle mit dem Medium Internet, den sozialen Netzwerken und den darin kursierenden Wahrheiten, Halbwahrheiten und Unwahrheiten richtig umgehen.

Und es geht darum Richtlinien einzufordern, auch von der Politik. Die Frage, ob der bestehende Pressekodex für das Medium Internet ausreiche, ist berechtigt und muss diskutiert werden. Last but not least müssen alle User ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass die Nutzung des Internets weit über die bisherige Nutzung von Medien hinausgeht.  Denn „In naher Zukunft wird unsere gesamte Lebensführung durch webbasierte Anwendungen gestaltet.“ (S. 304)

Detailkritik

Die Struktur

Das Buch an sich ist sehr anstrengend zu lesen. Nicht nur, weil es alles andere als leichte Kost ist, sondern die Textpassagen stets über mehrere Seiten ohne Absätze, Aufzählungen, Zwischenüberschriften oder andere Unterbrecher reichen. So trägt die Form der spannenden Inhalte leider oftmals zu einer gewissen Übermüdung bei. Dies zumal sich manche Denkansätze öfter wiederholen.

Der Zeitpunkt

Perfekt! Gerade, wo die die „tollen“ Einsparmöglichkeiten mit dem so genannten Roboterjournalismus die Herzen der Kaufmänner höher schlagen lassen, zeigt dieses Buch auf, wie wichtig es ist, nicht mit Hilfe von Algorithmen „denken“, sondern Gegebenheiten von echten Menschen mit kritischem Bewusstsein überprüfen und schreiben zu lassen. Auch um das Thema der Manipulation nochmals aufzugreifen, könnte der Zeitpunkt nicht besser gewählt sein: So plant der Suchmaschinengigant Google gerade ein neues Tool, welches speziell für Journalisten Nachrichten-Trends „bündeln“ soll. Zu hinterfragen ist hier mit Sicherheit, von wem und wie diese Nachrichten dann gefiltert werden und ob hier nicht schon eine Selektion Ranking irrelevanter Nachrichten stattfinden wird – bislang werden diese Trends jedenfalls nach meist gesuchten Interessen ermittelt, nicht nach unabhängig bedeutenden.  In jedem Fall lohnt es sich schon jetzt einmal vorbeizuschauen. Allein die völlig missglückte Übersetzung zeigt schon jetzt, mit welcher Qualität von Journalismus wir es damit zu tun bekommen: https://newslab.withgoogle.com/ (Stand: 27.07.2015)

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Das gekaufte Web: Wie wir online manipuliert werden (TELEPOLIS)

Die Kritikerin

Die Kritikerin: Sabine Saldaña BravoAls studierte Politikwissenschaftlerin und Soziologin beobachte und hinterfrage ich seit einigen Jahren die zunehmende Kritiklosigkeit vieler, vor allem junger, User. Als ich vor einigen Jahren an berufsbildenden Schulen Ethik unterrichtet habe, war Medienethik ein Schwerpunkt. Insbesondere das Unverständnis der Schüler, weshalb sie Wikipedia nicht als Quelle für ihre Facharbeiten und Referate nutzen dürfen, war immer wieder ein willkommener Zündstoff für anregende Diskussionen.  Besonders erinnere ich mich an die Aussage eines Schülers, im Zuge einer Analyse von Doku-Soaps im Bereich Medienethik. Dieser sagte: “Wann werden wir endlich verstehen, dass wir die Medien nicht mehr kontrollieren können!“

Als Kollegin des Autors Michael Firnkes und ehemalige Teilnehmerin seiner Seminare, liegt die Vermutung nahe, dass diese Buchkritik auch nichts anderes ist, als eine Art Advertorial. Das ist sie nicht. Das versichere ich an dieser Stelle. Sie ist eine Herzensangelegenheit. Für die  Presse-, der Informations- und der Meinungsfreiheit. Sabine Saldaña Bravo M.A. im Juli 2015


Ein Kommentar

Erwähnungen

  1. Buch: Das gekaufte Web › Michael Firnkes
    27. Juli 2015 at 19:19

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